Architektur, die betreten wird, formt das Verhalten und damit letztlich das Empfinden. Es gibt Gebäude, die den Eintretenden durch ihre Struktur auf mächtige Personen ausrichten. Das Gebäude übernimmt gewissermaßen die politische Vorausrichtung des Eintretenden. Die Bewegung und Haltung unseres Körpers und Geistes interagiert mit der Form der Umgebung.

Da ist zum Beispiel das klassische christliche Kirchenschiff mit seiner Ausrichtung auf den Altar.

Stehen bleiben, verharren, sich bekreuzigen und das Knie beugen.

Da sind Treppen, die uns bei jedem Schritt kleiner werden lassen während wir zur Macht hinaufsteigen.

Die Rotunde hingegen – als Grundform der Tafelrunden und demokratischen Parlamente – verzichtet auf diese explizite Ausrichtung. Eine andere Form der Bewegungsfreiheit im Raum entsteht.

Hin und her gehen, Koalitionen bilden, alleine stehen.

Es gibt aber doch auch ein höheres Transzendentes, das wir in diesen Räumen ohne irdische Ausrichtung fast automatisch in den Blick nehmen. Die Freiheit unter der runden Kuppel findet ihre Anbindung an ein transzendentes Höheres. Auch in einer säkularisierten Welt verbindet sich hier die politische Augenhöhe mit dem „so wahr Gott mir helfe“.

Für Correggio, der im 16. Jahrhundert mit der Ausgestaltung des Doms zu Parma beauftragt war, öffnete sich dieser ideale Raum in die Weite des Himmels. Wenn der von den Wänden des Rundbaus umfangene Betrachter seinen Kopf in den Nacken legte, so öffnete sich über ihm die Architektur direkt in eine himmlische Ewigkeit. Der Künstler hatte gleich einige Heilige hinzugefügt, die auf Wolken in die Höhe entschwebten. So wird zum Beispiel die Himmelfahrt der Jungfrau Maria gezeigt, von dem Betrachter in diesem Bild ungewohnter Weise die Fußsohlen am nächsten sind. – Das Unterfangen war nicht ganz ohne Risiko, denn ohne so manche wohl platzierte Wolke hätte man so einigen leicht unter das Gewand schauen können. Die Unteransicht birgt ihre eigenen Irritationsmomente.

Die Rotunde ist keine Bauform, die Privatheit herstellt. Ihre Rhetorik ist eher die eines Marktplatzes. Nischenlose Offenheit prädestiniert sie für die Szenografie des Politischen.

Ganz ohne dramatische Gesten kommt aber auch diese Bauform nicht aus. Ihre Blickführung lenkt uns weg von allem Irdischen. Lässt uns den Kopf in den Nacken legen. Überall auf der Welt ähnelt sich die körperliche Reaktion auf diese Ästhetik. Damit ist sie nicht nur die Architekturform einer säkularisierten Politik, sondern daneben immer eine Bauform, die Transzendentes erleben lässt.

Ein besonders überraschendes Beispiel für diese Baukunst bildet die Oldenburger Lamberti Kirche. Hinter einer gotischen Backsteinfassade verbirgt sich ein in verblüffender Weise rundes Kirchenschiff. Ein weißer lichtdurchfluteter Raum; ein Kuppelbau. Eine Rotunde, die uns einen Blick auf den Himmel ermöglicht.

Man tritt ein, sieht nach oben, atmet tief ein.