„Solange noch ein einziger Gott steht, ist die Aufgabe des Menschen nicht beendet.“

(Cioran- Der zersplitterte Fluch)

Was heißt es eigentlich das Scheitern der eigenen Sinnkonzepte ernst zu nehmen? Dies ist der Moment in welchem ich mich als Scheiternde erfahre. Was aber passiert, wenn wir den Moment des Scheiterns wirklich ernst nehmen? Das Denken nach der Aufklärung tut sich schwer mit dem Moment des Tragischen, mit der Insignifikanz der eigenen Person. Das hat sicher mit der folgenden Kleinigkeit zu tun: Der vernunftbegabte Mensch ist der kleine Gott, der nach der Aufklärung übrigbleibt.

Gerade in dieser Situation ist mir Cioran in die Hände gefallen. Wie als Antwort auf meine Frage nach einem sinnhaften Leben, das sich von Sinnkonzepten befreien und reinigen muss.

Cioran als die Person, die den Bruch in der eigenen Biografie als beständige Reinigung von der eigenen Vergangenheit mit unvergleichlicher Akkurates bearbeitet hat. Nicht in der Leugnung, der Negierung oder der Abgrenzung davon. Bei Cioran finden wir nicht die Geschichte von jemandem, der uns erzählt, wie er sich einmal irrte und dann wieder auf die Füße kam. Vielmehr finden wir jemanden, der um die Enttäuschung selbst einen ganz eigenen und ernsthaften Mystizismus entspinnt. Ciorans Enttäuschung reicht so tief, wird mit solcher Intensität betrieben, dass sie ihn vielleicht am Ende doch befreit hat.

Ohne Hoffnung und ohne Verzweiflung werde wir – aber das ist nur meine eigene Perspektive – wieder frei für die Schönheit. In der In der Ästhetik würde man von interesselosem Wohlgefallen sprechen. Wenn Hoffnung und Verzweiflung verschwinden ohne, dass wir unsere Ernsthaftigkeit verlieren, dann entsteht vielleicht ein besonderer Ort. Ein in einem tieferen Sinne schöner, weil ästhetischer, Ort an dem die Frage nach dem Guten Leben, nach einer tieferen Lebenspraxis wieder neu gestellt werden kann. Vielleicht – aber das ist nur meine eigene Sicht auf die Dinge – befreit die verschwindende Hoffnung, die verschwindende Verzweiflung von der Notwendigkeit der Gewalt und zu einer anderen Form, der liebevoll interessierten Gelassenheit. Vielleicht atmet man wieder tiefer, freier und weniger angestrengt an diesem Ort.

Patrice Bollon schreibt über Cioran: „Was Ciorans Denken entwirft, ist ganz einfach eine sich selbst entwickelnde, dogmenfreie Lebenskunst, eine Art, sich selbst mit der Welt und mit sich selbst abzufinden, das zu erfüllen, was Cesare Pavese das „Handwerk des Lebens“ nannte: eine Ethik.“ (Bollon: Cioran. Der Ketzer, Nomos Verlag 2006, S. 159.)