Federn schieben sich, fantastischen zarten Schmetterlingsflügeln gleich, aus der Wirbelsäule. Der Betrachter, der erst – im Wunsch besser zu erkennen nähergetreten ist – tritt reflexartig einen Schritt zurück. Vielleicht hat es ihm selbst einen leichten Schauer den Rücken hinunter gejagt. Jedenfalls richtet er sich etwas gerader auf. Betrachtung und körperliche Erfahrung liegen bei diesem Werk der Künstlerin Stephanie Ritterhoff dicht beieinander. Das Röntgenbild einer Wirbelsäule, das diese und ähnliche Reaktionen hervorruft, ist auf einer medizinischen Apparatur befestigt, die im professionellen Kontext der Betrachtung des bloßgelegten Knochengerüsts gedient hat. Die Intervention der Künstlerin – eine Applikation von Federn, Schleifchen, glänzenden Perlen, goldigen Zahnrädchen – changiert zwischen Grauen und Feenzauber. Eine Erweiterung des Begriffs Heilung um eine zauberhafte Option.
Vor dem analytischen Blick des Arztes, der uns in seiner Wissenschaftlichkeit doch sehr fremd ist, so wird die Künstlerin mir erklären, haben wir manchmal eigene Vorstellungen und Ideen davon, was uns heilen und guttun würde.


Stephanie Ritterhoff treffe ich im Umfeld der Ausstellung, die das „The Hidden Art Project“ in Oldenburg zeigt. Das Handwerk der Kunststickerin, das heute als Handwerksberuf in Deutschland nicht mehr gelehrt wird, hat sie ganz klassisch gelernt. Sie mischt ihre Farben selber aus farbigen Fäden und beherrscht noch die Stickerei mit Metallfäden, die in Deutschland so sehr zu den verlorenen Fähigkeiten zählt, dass man die Garne aus England importieren muss. Was mich am meisten in dieser Begegnung beeindrucken wird, ist aber nicht diese Kunstfertigkeit, sondern etwas ganz Anderes: Frau Ritterhoff ist eine Künstlerin, die trotz ihres Willens zum künstlerischen Ausdruck trotz ihrer lebendigen Art, eine ungewöhnliche Ruhe ausstrahlt. Sie lässt sich nicht festlegen – ohne trotzig zu werden; hat keine Angst neben dem Hässlichen auch das Schöne und das Ambivalente zu zeigen. Das ist kein einfacher Schritt für eine Künstlerin, die sich darin erschöpfen könnte, sich in ihrer Arbeit von so Vielem abzugrenzen: Von der weiblichen Zuschreibung des erlernten Handwerks, von der stets etwas biederen Anmutung, die man heute noch mit textiler Kunstfertigkeit verbindet.

Eines ihrer ersten Werke, mit dem sie sich von der reinen Handwerksausübung löste und mit welchem sie ihre künstlerische Arbeit begann, war ein Aschenbecher. Die ganze unästhetische Erfahrung, die wir mit der Betrachtung eines solchem Werkes verbinden, festgehalten in unzähligen Farbschattierungen. Der Aschenbecher war eine Absage an all das niedliche und beschauliche, das wir mit Stickerei verbinden. Später folgten auf diesen Befreiungsschlag gelegentlich sehr ästhetische Arbeiten. In der Kunst steht das Verstörende im Ruf, besonders gesellschaftskritisch und daher relevanter in seiner Aussagekraft zu sein. Bloß keine Seichtigkeit! In Stephanie Ritterhoff begegnet mir eine Künstlerin, die auch diese Angst hinter sich gelassen zu haben scheint. Daraus entsteht in ihren Arbeiten eine besondere Freiheit, die sich nicht im „Dagegen“ erschöpft, sondern die auch ein ästhetisches „Dafür“ zulassen kann.