Ein Sommertag. Ein einfaches weißes Baumwollhemd. Leicht gestärkt am Kragen, etwas nachlässig gebügelt, aber mit dem Duft von in der Sonne getrocknetem Stoff. Ein Stück Sommer, das ich mir überstreife.

Der Phänomenologe Hermann Schmitz entwickelte den Gedanken, dass die Erfahrung unserer Leiblichkeit den uns umgebenden Raum mit einbezieht. Umso mehr denke ich, während ich nun die Ärmel meines Hemdes aufkrempele, gilt das sicher für die Dinge die wir uns so nahekommen lassen.

Wir werden in Tuch eingewickelt, wenn wir auf diese Welt kommen und wir verlassen sie, wenn unser Körper in Tuch eingewickelt wird. Stoff ist die erste Erfahrung mit der stofflich, dinglichen Existenz der Welt und eine der letzten. Vom ersten in Windeln gewickelt sein bis zum Leichentuch pflegen wir die Beziehung einer besonderen Nähe zu Gegenständen. Was uns da so stofflich begleitet schützt uns, liegt direkt auf unserer Haut, begleitet jede unserer Bewegungen. Wenige Menschen kommen uns so nahe.

Was uns berührt, begleitet uns nicht nur akzidentiell. Es ist uns fremd und nah zugleich. Wir verfügen nie vollkommen darüber. Aber da ähnelt es auch schon „unserem“ Körper, über den wir auch nicht vollkommen verfügen.

Die Grenze zwischen dem was wir uns selbst zurechnen und dem was uns in nächster Nähe begleitet ist in der Empfindung fließend.

In der Pubertät begegnete mir mein eigener Körper wie ein Fremdkörper. Manch einer führt einen lebenslangen Kampf mit den eigenen Haaren, die ihm an manchem Tag feindlich entgegenzutreten scheinen. Manchmal stolpern wir ungelenk über uns selbst. Manchmal ist uns der eigene Körper „nur ein Objekt“, das wir mehr oder weniger kundig pflegen und sportlich optimieren. Manchmal wendet sich der eigene Körper schmerzvoll gegen einen, entzieht sich der Verfügbarkeit.

Unser Selbstgefühl und unser Körper- und Raumempfinden enden nicht an der Grenze, die unsere Haut zu markieren scheint. Auf der Ebene der Empfindung ist der Übergang fließender. Darum betrifft die Frage nach unserem Selbst, nicht nur unseren Körper, unsere Seele und unsere Gedanken.

Welche Integrität schulden wir dem was „nur Objekt ist“ und von dem wir uns doch freiwillig begleiten lassen. Der Mensch ist ein Wesen, das eine Menagerie von Dingen in seinem Gefolge führt. Dinge, die ihn auf dem Lebensweg begleiten. Vielleicht schulde ich auch diesen Dingen jeweils eine bewusste Beziehung – im Interesse meiner eigenen Integrität.


Für das von mir hier verwendete Foto und seine lizenzfreie Verfügbarkeit bedanke ich mich.

Quelle_Foto von Anna Shvets von Pexels (23.07.2020)