„Jetzt erscheint mir die Bedeutungslosigkeit in einem ganz anderen Licht als damals, die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz.“

Kundera, Milan: Das Fest der Bedeutungslosigkeit, Hanser Verlag, München 2015, S. 137.

Über sich selbst zu schreiben – nein, genauer: Tagebuch zu schreiben – hat etwas Reinigendes in seiner geistigen Schlichtheit.

Damit meine ich nicht die literarischen Werke des Genres der Selbsterzählung. In ihrer Art der Reflektiertheit und literarischen Qualität spielen sie quasi in einer anderen Liga. Augustinus‘ Bekenntnisse (die „Confessiones“), die eine Art Selbstreinigung auf der Ebene einer umfangreichen Lebensbeichte vollziehen. Prousts Texte, die den Leser in einer Welt sinnlich dichten Erlebens und besonderer Empfindsamkeit[1] versinken lassen, wie in den Plüschigen Kissen eines Diwans. Letztens fiel mir ein Buch von Frédéric Beigbeder in die Hände, der beteuerte sich an nichts zu erinnern. Dieses – ich möchte es für ein literarisches Experiment halten – zieht seine kompromisslose Härte aus dieser Selbstvergessenheit; erzählt sich selbst als Leerstelle mit besonderer Intensität.  Vielleicht handelt es sich um eine besondere Art der Selbst-Befreiung.[2]

Nein. Tagebuchschreiben ist etwas vollkommen Anderes.

Heute ist mein Geburtstag und wie so häufig an diesem Tag liegt es nahe über das zu reflektieren, was kommen könnte; zu bilanzieren was war. Was würde ich also tun? Ich würde notieren, wofür ich dankbar bin. Und in der egoistischen Selbstvergessenheit einer achtjährigen, die ihre Weihnachtswünsche äußert, würde ich meine kleinen Hoffnungen vor mir selbst ausbreiten.

Tagebuch zu schreiben ist mit einer besonderen Art von Risiko behaftet: Man vergisst vor sich selbst jegliche Bescheidenheit. Beweint die eigenen Gefühle; glänzt stolz mit klugen Gedanken vor sich selbst; ist je nach Stimmungslage gelehrig oder ganz auf seine Wünsche fokussiert.

Gerade diese Naivität, die das Schreiben ausmacht birgt eine besondere Chance. Diese liegt auf der zurückliegenden Seite.

Blättere zurück. Noch eine weiter. Noch eine weiter. Schon besser!

Auf der nun aufgeschlagenen Seite begegnet uns unser ich von gestern oder vorgestern als Unbekanntes. Ein leichter Schauer überkommt mich beim Lesen der leider viel zu altklugen Sätze. Meine Wünsche kommen mir egoistisch, meine Hoffnungen naiv vor. Mein „Ich“ von vorgestern begegnet mir als Fremde.


[1] Empfindlichkeit?

[2] „Manchmal höre ich hinterrücks murmeln: „Den kann ich nicht einschätzen.“ Das glaube ich gern. Wie soll man jemanden einschätzen können, der selbst nicht weiß, woher er kommt? Wie Gide in Falschmünzern sagt: ich bin auf Pfählen gebaut: ohne Fundament und ohne Keller.“

Frédéric Beigbeder: Ein französischer Roman, Piper Verlag, München 2010, S. 15.

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Ich danke für die lizenzfreie zur Verfügung Stellung des Bildes: Quelle-Bild von Yerson Retamal auf Pixabay (22.07.2020)