Selbst und Eigentum – Was ich habe und wer ich bin

„Von dem Augenblicke an, wo er das Licht der Welt erblickt, sucht ein Mensch aus ihrem Wirrwarr, in welchem auch er mit allem andern bunt durcheinander herumgewürfelt wird, sich herauszufinden und sich zu gewinnen.“[1]

Der sich identifizierende Mensch, betrachtet sich selbst gelegentlich als Eigentümer. Die Frage ist dann: „Was betrachte ich meinem Selbst als zugehörig?“ Eine Frage der Identitätskonstitution.

Wer bin ich? Ich bin der Eigentümer eines Gartens oder eines Mont-Blanc-Federhalters?

„Sind Sie der Eigentümer dieses Hauses?“

Eigentumsinseln erweitern unser Selbst wie kleine Kolonien. Gehören uns; wenn sie auch nur extern zu unserem Selbst gehören.

Wie schwimmende kleine Inseln, die mit uns zusammen den Zeitstrom hinabtreiben; Mehr oder weniger fest und lose mit uns vertäut. Mal schwimmen wir auf ihnen, mal reißen sie uns in die Tiefe. Um die Stabilität und der die Enge der Vertäuung differenzieren zu können, unterscheidet unser Rechtssystem zwischen „Eigentum“ und dem „Besitz“. Was ich besitze, darauf habe ich direkten Zugriff.

Das betrifft zum Beispiel das Fahrrad, welches ich mir nach der Kneipentour spontan leihe, um damit nach Hause zu fahren. Durch den direkten Zugriff, bin ich der Besitzer. Was nicht bei deuten muss, dass ich der rechtmäßige Eigentümer bin. Letzterer kann derweil schlafend in seinem Bett liegen. Dennoch bleibt er der rechtmäßige Eigentümer.

Um die rechtliche Dimension muss es hier nicht gehen. Zwar hat sie für die Dauer unserer Lebenszeit die größten Auswirkungen auf unsere legale Nutzung von Diesem oder Jenem. Aber das ist eigentlich auch schon der Grund, warum zu viel über sie gesprochen wird. Hängen wir das für den Moment nicht so hoch! Letztendlich geht so vieles in der kurzen Zeit unseres Menschenlebens durch unsere Hände. Wenn wir es am Ende immer noch besitzen, dann können wir bisweilen entscheiden, wessen Händen wir es für die Zeit, die noch uns kommt, anvertrauen. Diese Frage ist zwar für uns als Personen relevant, – als Menschen im vollen Sinne betrifft sie uns nur akzidentiell.

Um den Begriff des Eigentums für das empfindende Wesen verständlicher werden zu lassen, das wir sind, würde ich eine andere Unterteilung vorschlagen. Folgende Quart an Fragestellungen stellt uns als Menschen mit der Erfahrung der Leiblichkeit in die Welt der Dinge hinein.

Was berührt mich? Was geht für eine Weile durch meine Hände und stellt sich mir als Werkzeug zur Verfügung? Was kann ich wirklich genießen? Was liegt schwer auf meinen Schultern?

Die fortlaufende Klärung dieser Fragen setzt den Einzelnen instand einen Umgang mit Dingen zu finden. Sie beantwortet daher indirekt die oben aufgeworfene Frage: „Was betrachte ich meinem Selbst als zugehörig?“


[1] Max Stirner (Joh. Kaspar Schmidt): Der Einzige und sein Eigentum. Berlin 1924, S. 25.

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Für die lizenzfreie Freigabe des hier verwendeten Bildmaterials danke ich: Bild von LUM3N auf Pixabay | Quelle: https://pixabay.com/de/photos/tasche-lederware-handtasche-1565402/ (23.08.2020)