„Ordnung wird herrschen und ich ein Untergebener meines Ehrgeizes sein.“[1]

Strauss, Simon: Sieben Nächte, Berlin 2017, S.13

Das, was man mir nicht nehmen kann, ohne dass es mich schmerzt – so der Philosoph Herrmann Schmitz – das gehört im engeren oder im weiteren Sinne zu meiner Person. Im engeren Sinne betrifft das meinen Körper, im Weiteren vielleicht sogar meinen Lieblingspullover und die Wohnung, in der ich lebe.

Sicher liegt eine gewisse Schwierigkeit in der Trennschärfe dieser Definition. Dennoch versteht auch unser Rechtssystem den Menschen als Person mit einem Recht auf körperliche Unversehrtheit und Privateigentum. Schmerz als äußere Grenze meiner selbst. Für das alltägliche Selbst, indem ich mir begegne; für das vernünftige Selbst das sich zu schützen versucht, indem es eben diesen Schmerz vermeiden möchte, ist das plausibel. Ich ordne, was ich habe, sammle etwas mehr an, um mich sicherer zu fühlen. Mein Sein wird wohlig und warm.

In den anderen Momenten – in überhitzten Nächten und atemlosen Augenblicken – kann uns ein anderes Selbst begegnen. Ein dunkles und vitalistisches Selbst blickt aus dem Spiegel entgegen.

Die höchste Treue diesem nächtlichen waghalsigen Selbst gegenüber liegt im Mut. (Oder sollte man hier lieber von Wahnsinn sprechen?) So frei, dass man nichts braucht – nicht einmal sich selbst! So konsequent leben, dass man das Leben selbst riskiert. Nichts zurückbehalten. Sich vollkommen verschwenden, um dieser Sehnsucht treu zu sein.

Nie spürt man die eigene Existenz in ihrer ganzen Ausgesetztheit stärker als im Adrenalinstoß, der den Davongekommenen durchzuckt.

Was müsstest du aufgeben, um dir selbst wieder nahe zu sein?

Es ist eine radikale Frage. Und doch: latent egoistisch in ihrer Treue zur eigenen Existenz. Vergessen wir nicht, dass es eine Luxusfrage ist. Wo sie in der Luft liegt, sind Dekadenz und Übersättigung nie weit. Die jungen Vitalisten mögen so gedacht haben, bevor sie auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges gestürmt sind. Es liegt etwas Ästhetisches in dieser Radikalität; und etwas sehr Modernes.

Ab dem 18. Jahrhundert wird die Intensität zu einem Begriff der Philosophie und zu einem ideal des gelebten Lebens.[2] Das sind nicht nur die Literatinnen und Avantgarde Künstler. Das sind auch die Väter und Mütter, die alles hinwerfen, um endlich Patissier, Zirkuskünstler, Weltreisende zu werden. Die lange schon Verheirateten, die sich scheiden lassen, um die Intensität einer verzweifelten Verliebtheit zu spüren.

Was müsstest du aufgeben, um dir selbst wieder nahe zu sein? Ist daher eine alltägliche Frage – nicht erst, wenn wir die ersehnte Eigentumswohnung besitzen, die uns an jedem Tag in ihrer Vertrautheit enger umschließt. Nicht erst wenn unser bequemer Alltag uns an jedem Tag etwas mehr vor dem Schmerz bewahrt, der es in helleren Momenten erlaubt das Leben als Existenz zu spüren.

Ohne eine wirkliche Antwort – ein Falsch oder Richtig in der Hinterhand zu haben – drängt sich mir der folgende Verdacht auf: Um Schmerzen zu vermeiden stellen wir die existenzielle Frage zu spät. Wir fragen zu spät und sind dann zu radikal. Maßlos in Vernunft und Unvernunft.

Weil dies aber nicht mehr als ein persönlicher Verdacht ist, überlasse ich an dieser Stelle lieber wieder Simon Strauss das Wort, der in „Sieben Nächte“ schreibt:

„Ich will wieder den Wunsch nach Wirklichkeit spüren, nicht nur den nach Verwirklichung.“[3] 


[1] Strauss, Simon: Sieben Nächte, Berlin 2017, S.13.

[2] Garcia, Tristan: Das intensive Leben, Berlin 2017.

[3] Strauss, Simon: Sieben Nächte, Berlin 2017, S. 17.


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