Sich selbst ernstnehmen – Integrität als Verzicht auf Gefälligkeit

Es beginnt mit der Begegnung mit einem Porträt.

Dem Bild fehlt jede liebliche Gefälligkeit. Und doch beginnt man es zu lieben, je näher man herantritt. Je dichter man an die Leinwand tritt, umso farbiger werden die einzelnen Lichtpunkte in der zunächst grau scheinenden Abbildung; umso zugewandter könnte man sich der Person fühlen, die sich entschied, sich selbst so zu malen.

Die Künstlerin Ottilie W. Röderstein blickt den/die Betrachter*in voll konzentrierter Ernsthaftigkeit an. Sie trägt eine schlichte weiße Helmbluse und ein graues, kittelartiges hoch geschlossenes Oberteil. Ihre grauen Haare sind zurückgebunden. Das einzige weitere – und umso auffällige – Detail des Bildes sind die Pinsel. Drei Stück.  In einer Hand zusammengefasst. Senkrecht nach oben gerichtet.

Der Eindruck, der mir bleibt ist der von Ernsthaftigkeit.

Röderstein arbeitete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts für eine, mancher Konvention zuwiderlaufenden, Karriere. Als Porträtmalerin machte sie sich einen Namen. Auch in manch anderer Hinsicht mag sie sich – Unbequemlichkeiten zu Trotz – treu geblieben sein. Als sie etwa mit Ihrer Lebenspartnerin, der Ärztin Elisabeth H. Winterhalter, ein gemeinsames Heim schuf.

Und doch hat genau diese Ernsthaftigkeit ein verstörendes Moment. Sie sei ein warmherziger Mensch gewesen, – heißt es. Warum lächelt sie dann nicht? 

Es ist die Verweigerung des gefälligen Lächelns, die Betrachter*innen irritieren mag.

Und es ist eine Stärke, dass sie darauf verzichtet, um sich als ernsthafte und professionelle Person zu zeigen.

In dem entgegenkommenden Moment des Lächelns droht man sich selbst klein zu machen. Speziell das weibliche Lächeln kann (so es nicht arrogant ist) der Lächelnden eine ungefährliche Mädchenhaftigkeit verleihen. Aber die Verweigerung von Gefälligkeit kennt viele Formen – weibliche, männliche, menschliche.

Röderstein verzichtet auf diese Gefälligkeit. Eine Geste der aufrechten Selbstachtung.

„Ich nehme mich ernst. Du solltest es besser auch tun.“ Das scheint sie zu sagen. Sie schenkt der/dem Betrachter*in nicht mehr als ihren ruhigen und fokussierten Blick.

Später werden Frauen sich Hosen anziehen. Noch sehr viel später sich abgewetzte Lederjacken überwerfen. Sie werden die Augenlider nicht senken. Herausfordernd und gradlinig werden sie in die Welt sehen.

Ich lächle oft. Meist gerne. Manchmal aber auch aus Gefälligkeit meinem Gegenüber entgegen. Oder weil mich irgendjemand nicht mögen könnte.

Das vorenthaltene Lächeln ist auch ein Raum der wiedergewonnenen Selbstbestimmung. Es kann bedeuten: „Ich traue mir zu, dich nicht anlächeln zu müssen.“

Es ist der Eindruck fokussierter Ruhe, die ich aus diesem Selbstporträt der Malerin mitnehme. Und das klare Blau eines gradlinigen Blickes. Was für eine Frau!