Manche Gefühle zeigen sich eruptiv. (Wut oder Begeisterung).

Manche Gefühle gleichen akustischen Phänomenen, indem sie leiser werden, vielleicht noch einmal anschwellen und möglicherweise verklingen. (Trauer)

Manche Gefühle verschwinden wie Morgennebel (Begehren?) oder werden durch Weitsicht und Menschlichkeit verfestigt (Liebe?)

Angst hat eine andere Qualität. Wenn ich „Angst“ schreibe, meine ich nicht die Stressreaktionen, die uns kurzfristig flucht- oder kampfbereit machen. Ich spreche von tiefschwarzer Angst, die sich um das Herz krampft und schwer in die Magengegend legt. Von lähmender Angst, die uns klein macht.

Was heißt es eigentlich von Angst ergriffen zu sein? Was ergreift die Angst denn, wenn sie nach uns greift?

Angst bezieht sich auf Erfahrungen aus der Vergangenheit und richtet sich auf Zukünftiges. Dabei bleibt die auf die Zukunft gerichtete Erwartung spekulativ. Man kann sagen, dass sie umso wirkmächtiger ist, wenn sie in beeindruckend nebulöse Formen gehüllt bleibt. Was sie dabei verändert, ist unsere Fähigkeit zum Handeln in der Gegenwart.

Angst hat die Eigenschaft, eine Eigendynamik zu entwickeln. Schaukelt sich hoch; besitzt die Fähigkeit zu selbst Akkumulation.[1] Ohne weitere äußere Impulse kann sie wachsen. Als Angst vor der eigenen Angst kann sie sich zur Panik steigern. Angst, die sich vollkommen von ihren Ursachen gelöst hat, beherrscht die Betroffenen in furchtbarer Art und Weise. Sie konfrontiert mit dem nicht mehr Greifbaren, gegen das kein konkretes Handeln helfen kann.

Was verloren geht, ist das Gefühl einer umfassenden Autonomie im eigenen Handeln. Die Angst vor etwas, das einen in der Zukunft überrollt, ist ja gerade mit dem Gefühl verknüpft, sich nicht mehr als selbstwirksam zu erfahren.

Die eigene Kraft wird nicht reichen. Man wird nicht stark genug sein, um der Zukunft zu begegnen.

Angst ist die Antizipation von Ausgesetztheit, die wir vorwegnehmen. Daher heißt „Von Angst ergriffen zu sein“ etwas (noch) nicht Gegenwärtiges zu verkörpern und sich dadurch gelähmt zu fühlen. Im Unterschied dazu stehen Ängste, gegen die wir glauben, etwas ausrichten zu können. Sobald wir zu der Überzeugung gelangen, dass wir etwas tun können, sind wir aus jener Angst schon herausgetreten. Vorsicht, Anspannung und Stress treten in den Vordergrund. Die Angst haben wir da schon hinter uns gelassen.

Für mich persönlich gibt es hier eine zentrale Frage: Wie wahren wir in unserem Handeln Integrität, wenn wir in Angst sind? Wie Verantwortung übernehmen in diesem Gefühl der Schwäche? Wie kommen wir zu einem Handeln, in welchem wir uns nicht als Getriebene erleben? Wohin zurückweichen, wenn man mit dem Rücken schon an der Wand steht?

Die Herausforderungen auf dem Gebiet umfassender Angst können so schrecklich sein, dass mir eine Antwort darauf schlicht nicht zusteht.

Ich wende mich daher dem Philosophen Boethius zu, der um 500 nach Christus in Rom lebte und dort Tod und Folter erwartete. Sein Hauptwerk, die Consolatio philosophiae (Trost der Philosophie), verfasst er in Gefangenschaft. Schritt für Schritt löst er sich in diesen Zeilen von seiner Angst und lässt alles gedanklich hinter sich zurück. Das Glück, die Welt, sein Leben. Er vollzieht geistig eine Selbstaufgabe, die alles vorwegnimmt, was andere später an im vollstrecken werden. Mit jedem Schritt scheint er freier und gelöster zu werden. Mit jedem Schritt verschwindet etwas von der tiefschwarzen, lähmenden Angst. Am Ende des Buches begegne ich einem Getrösteten. Keine Macht kann ihm nehmen, was er bereits losgelassen hat.

Da Boethius keinen anderen Weg mehr einschlagen kann, um das eigene Selbst zu schützen, besteht seine einzige Möglichkeit in der Vorwegnahme und Aneignung dessen, was ihm zustoßen kann.

Die Aneignung der letzten Möglichkeit der autonomen Eigenverantwortung erfolgt hier über im Loslassen, das die Möglichkeit der inneren Gelassenheit wieder entstehen lässt. Es scheint, als sei die konsequente Selbstaufgabe der letzte Rückzugsort der Handlungsautonomie in existenziell bedrohlichen Situationen. Das Risiko besteht, dass sehr wenig wiedergewonnen wird. Nur dieses eine: Integrität


[1] Görling, Reinhold: Verkörperung. Der Affekt der Angst, in Koch, Lars (Hrsg.): Angst. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar 2013, S. 180ff.