Passion: Kleine Geschichte von Leid und Leidenschaft

„Das war es. Daneben schien es keinen Platz zu geben, weder für Hans noch für ein Kind.

Im nächsten Augenblick  – ich stand immer noch in dem verwaisten Flur – erkannte ich plötzlich mit einem Gefühl von Dankbarkeit und Befreiung die wahre Bedeutung der  Madonna mit der Waldbeere.“[1]

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„Der Vogelgott“ heißt ein schmales Bändchen der Autorin Susanne Röckel. Beim Lesen dieses Buches stolperte ich über die Geschichte einer jungen Frau. Sie blieb mir als auf eigenartige Weise bewegend in Erinnerung.

Sie: Doktorandin; befasst mit der Entschlüsselung eines kleinen Madonnenbildes aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Die düstere Entstehungsgeschichte des Bildes – so schien es mir – ergriff immer mehr Besitz von der jungen Forscherin.

Hingabe? Selbstverlust?

Mit jedem Schritt, den sie zurücklegte, schien sie sich selbst ein wenig mehr zu verlieren.

Im heutigen Wort „Passion“ treffen ursprünglich differente Begrifflichkeiten aufeinander.
Auf engstem Raum entfalten sie im heutigen Sprachgebrauch ein Spannungsfeld.

Leidenschaft. Leidensweg.

Passion (franz.) in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Emotionstheorien das Wort, welches die Gefühlszustände des beseelten Körpers beschreibt.[2]

Das lateinische Verb „pati“ (erleiden, erdulden) bildet den Wortstamm für die heute gebräuchliche Passion, die insbesondere den Leidensweg Christi bezeichnet.

Passion beschreibt – vor allem im englischen Gebrauch unter dem Begriff Passion – die begeisterte Hingabe an eine Tätigkeit. Bei Erfolg ist diese Hingabe von Selbstverwirklichung gekrönt. Ein Werk entsteht. Eine Künstler*in, Forscher*in, Unternehmer*in hat sich ausgezeichnet. Bis es aber so weit ist, verlangt sie dem/ der sich Hingebenden gelegentlich ein hohes Maß an Strapazen und harter Arbeit ab. Leid und Leidenschaft kommen hier auf engem Raum zusammen. Das Arbeitsethos wird leicht zum Gewaltmarsch, der nur mehr das Endergebnis im Auge hat.

Unter Umständen mag man hier das protestantisch angehauchte Sinnkonzept einer säkularisierten Gesellschaft erkennen. Immerhin kommen in der Hingabe an dieses Eine, dem wir glauben, uns widmen zu müssen, Figuren des auserwählt seins zum Tragen. Ein besonderes Potenzial oder Talent muss der Verwirklichung zugeführt werden. Damit scheint die Hingabe eine Form der Einzigartigkeit zu gewährleisten.

Die sich-Hingebende schöpft sich selbst. Transzendiert die eigene Trivialität in dem Werk, dem die ganze Mühe gilt.

„Wie nur“, habe ich mich gefragt, „könnte die Protagonistin“ zu einer Davongekommenen werden? Was müsste sie verstehen? Würde es reichen, wenn sie ihr Projekt mit etwas mehr Ruhe und Vernunft anginge?

Sicher kann man das Tempo drosseln. Auch Selbstverausgabung kann vernünftige voranschreiten.

Persönlich berührt mich der Selbstverlust der Protagonistin, weil er eine der Aporien menschlicher Existenz erzählt. Bleibt eine andere Wahl, als die eigenen Leidenschaften in einer Bewegung der Hingabe zu instrumentalisieren, um sich als Mensch auszuzeichnen?

Ohne eine gewisse Hingabe verliert man das eigene  Potenzial ganz sicher.

In der Bewegung der Hingabe, läuft man stets Gefahr sich selbst zu entgleiten.  

Diese  „Vertikalspannungen“ unter denen der Mensch lebt, umreißt Peter Sloterdijk mit den Prägnanten Sätzen.

Wo immer man den Angehörigen der humanen Gattung begegnet, sie verraten überall die Anstrengungen eines Wesens, das zur surrealistischen Anstrengung verurteilt ist. Wer Menschen sucht wird Akrobaten finden.“[3]

Was bliebe da noch hinzufügen?


[1] Susanne Röckel: Der Vogelgott, Salzburg und Wien, Jung und Jung 2018 , S. 164.

[2] Dominik Perler: Transformation der Gefühle. Philosophische Emotionstheorien 1270 – 1670, Frankfurt am Main, S. Fischer 2011, S. 24.

[3] Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Suhrkamp 2009, Frankfurt am Main, S. 29.